Der Pfad des Wilden Lebens

Ist es eines Menschen unwürdig, wie ein wildes Tier zu leben? Die Frage ist interessant, weil sie in dieser Formulierung so etwas wie einen literarischen Archetyp berührt. Da scheint die Antwort eigentlich sofort klar. Ja, denn wilde Tiere sind unzivilisiert, rücksichtslos, darwinistisch und sowieso eine niedere Form. Aus menschlicher Sicht ein klarer Rückschritt.

Tantra-Ureinwohner-Wildes-LebenAber ist das wirklich wahr? Was wäre denn wohl ein wilder Mensch? Wir denken vielleicht gleich an die sogenannten Naturvölker… schon besser. Aber was wäre denn an so einem Urwald-Leben für einen Stadtmenschen zivilisierter, europäischer Herkunft noch nützlich oder erstrebenswert? Wir stehen doch ganz wo anders, oder?

Namasté, ich grüße den Buddha im Tier!

„An Theorien, wie sich das Leben entwickelte, nachdem Einzeller die Meereshoheit erlangt hatten, herrscht kein Mangel… Schwieriger wird es, wenn die Frage nach der Henne und dem Ei aufkommt. Sprich, was war zuerst da, Stoffwechsel oder Zelle?… Ab wann galt: Jetzt ist es Leben? Gab es überhaupt eine eindeutige Zäsur? Unzählige Religionen geben darauf dieselbe Antwort: höhere Wesen haben tote Materie belebt, indem sie eine Art Software einspeisten, Seele genannt, woraufhin sich das Geschöpf reckte und streckte und fortan den Herrn pries. In der Tat mutet die Vorstellung einer solchen Schöpfung erfreulich an. Wer will schon ernsthaft aus Bakterien hervorgegangen sein oder aus einem frühzeitlichen Wurstfisch? Wild-Life-Tantra-LebenDie Sache hat nur einen Haken: Wenn die Evolution fließend geschah, also keine Kapitelüberschriften kennt, gibt es auch zwischen Mensch und Tier nicht so signifikante Unterschiede, wie wir es gerne hätten. Menschen wären demzufolge kein Endprodukt der Schöpfung, sondern allenfalls ein Zwischenstadium, eine von zig Varianten im Katalog des Lebens. Ausgestattet zwar mit stupenden kognitiven Fähigkeiten, genetisch jedoch nur vorläufiges Ende einer Kette, die vier Milliarden Jahre in die Vergangenheit reicht und sich in eine ungewisse Zukunft windet.“

Frank Schätzing, Nachrichten aus einem unbekannten Universum

Schauen wir mal aus spiritueller Sicht auf die Sache. Das Tier ist nämlich gewisser Maßen der perfekte Meditierer. Zu hundert Prozent präsent im Hier und Jetzt und völlig frei vom lästigen „Mindfuck“ – der ständig laufenden Talkshow, die unsere kreativen Geister konsequent im Bann der Tagträume festhält. Diese wilde Präsenz hat eine wichtige Folge, ohne die niemand von uns heute hier wäre: Ein Tier würde niemals seinen Lebensraum vernichten.

Der wilde Mensch würde das auch nicht tun, und er würde als Mensch noch weiter gehen: Er würde auch sein soziales Gefüge, seine Gemeinschaft, nicht kaputt machen. Er würde sich eben gerade nicht rücksichtslos und egoistisch verhalten, sondern in seiner starken Präsenz und Empathie ständig in wahrhaftiger Begegnung sein. Er kennt keine falsche Scham und er fragt auch nicht um Erlaubnis oder Legitimität für sein So-sein, sein Geworden-sein. Er ist einfach und begegnet.

Wildes-Leben-PfadWild ist in diesem Sinne sicherlich auch nicht synonym mit laut und bewegt. Diese Attribute sind nur besonders auffällig, weil der nicht-wilde Mensch sie sich in den meisten Lebenslagen verbietet. Aber auch eine Rose, die zur Sonne geöffnet still dasteht oder eine uralte Meeresschildkröte, die elegant umhertaucht sind genauso wild wie ein Tiger bei der Jagd oder die Bonobos beim Gruppensex.

Es geht darum, uns unseres natürlichen, instinktiven Seins, der Weisheit unseres Körpers wieder bewusst zu werden. Uns davor zu verneigen, sie uns zu Herzen zu nehmen und sie in unserem achtsamen, präsenten Umgang mit uns selbst und unserem Gegenüber zu integrieren. Sie ist ein elementarer und unleugbarer Teil unserer Authentizität.

Tantra mit Hirn

Wildes-Leben-TantraDer Biophysiker und Psychologe Peter Levine verdeutlicht in seinen Arbeiten zur Traumatherapie sehr anschaulich die heilsame Wirkung der Wiederbelebung und Integration unseres animalischen Erbes in unser Mensch-Sein. Unser Gehirn, so erläutert er, bestehe im Wesentlichen aus drei Teilen: dem Reptiliengehirn, dem instinktiven und tierischen Teil, dem Säugetiergehirn oder auch limbischen System, dem emotionalen Teil unseres Gehirns und dem Neokortex, dem rationalen Teil unseres Gehirns. Meistens sind wir heute in und mit unserem Neokortex unterwegs.

Seit der Aufklärung gilt das Diktat der Vernunft. Die Naturwissenschaften betrachten die Dinge rational. Alles ist messbar und errechenbar. Und so ist unsere moderne Welt entstanden mit all ihren Entdeckungen und Erfindungen und unseren zivilisatorischen Annehmlichkeiten. Das war auch gut so, denn vermutlich hätten wir sonst auch nicht den Kopf frei, über den Weg unserer Zivilisation nachzudenken. Wir zollen also aus tiefstem Herzen diesem Teil unseres Gehirns Respekt und höchste Anerkennung.

Und dennoch glauben wir, ist es Zeit, uns wieder unserem instinktiven Sein zuzuwenden. Dieser Teil wird durch die heutige Zivilisation vollkommen vernachlässigt. Es gilt als sehr unschicklich, in irgendeiner Weise diesen tierischen Teil unseres Wesens aktiv auszuleben, obwohl dies natürlich permanent geschieht. Wir atmen, essen und trinken ja schließlich alle.

Ohne unser intaktes Reptiliengehirn würden wir nicht leben. Aber trotzdem soll am besten niemand mitbekommen, das wir vom Tier abstammen. Wir unterdrücken so viele natürlich Reaktionen unseres Körpers, dass wir oft gar nicht mehr wissen, was natürliche Reaktionen unseres Körpers sind. Wir haben den Kontakt zu unseren Wurzeln, zu unserer natürlichen Lebendigkeit, zu unserem Instinkt, völlig verloren.

Tantra-Berlin-Wut-Inneres-TierUnser Leben ist überzogen von Verboten, unsere tierische Natur zu zeigen. Krankheiten, Stress und Burn-out sind die Folge. Wir sind zwar hoch optimiert, spezialisiert und absolut darauf gedrillt, unser Bestes zu geben, aber wir haben eigentlich vergessen, warum wir all diese Dinge tun, wohin dieses Leben eigentlich wirklich gehen soll. Wir sind abgetrennt von der Basis, von dem tieferen Sinn, von der Existenz, von der Kraft der Erde, von unserem heilenden Instinkt.

Es scheint, als ob die Menschheit geradezu immer wieder zu sich selbst sagt: „Schaut, das haben wir hinter uns gelassen, wir sind keine Tiere mehr, wir machen das jetzt besser, wir können es, wir können uns beherrschen, wir sind Menschen! Das ist etwas besseres.“ Doch es nützt gar nichts, etwas besseres zu sein. Die Entwicklung unserer Erde, unserer Umwelt, spiegelt uns dies nur all zu deutlich.

Uns geht es auch nicht darum, komplett zu unseren Instinkten zurückzukehren. Uns geht es um ganzheitliche Integration. Levine spricht in diesem Zusammenhang von unserem „dreieinigen Gehirn“:

„Wir müssen begreifen, dass die primitiven Teile unseres Gehirns nicht ausschließlich dem Überlebenskampf dienen… Vielmehr enthalten diese Bereiche wichtige Informationen darüber, wer wir sind. Unsere Instinkte signalisieren uns nicht nur, wann wir kämpfen, weglaufen oder erstarren sollen, sondern auch dass wir hierher gehören. Das Gefühl dass uns sagt „Ich bin ich“, gehört dem instinktiven Teil unseres Seins an. Unser Säugetierhirn erweitert diese grundlegende Identität zu „wir sind wir“ – zu der Einsicht, dass wir zusammengehören. Unser spezifisch menschliches Gehirn fügt die Fähigkeit, auch über nichtmaterielle Phänomene reflektieren und zu Ihnen in Verbindung treten zu können, hinzu.
Ohne intakte Verbindung zu unseren Instinkten und Gefühlen können wir unsere Verbundenheit mit der Erde, mit unserer Familie und mit der gesamten Existenz nicht spüren.“

Peter Levine, Trauma-heilung – Das Erwachen des Tigers

„Der wilde „instinktive“ Teil in uns folgt der Fährte der Schöpfung. Diesem Willen in uns, zu leben. Das Wissen der Existenz darum, wie es geht, zu leben, tragen wir alle in uns. ….“

Schöpfungsmeditation

Darum laden wir dich ein,

Wildes-Leben-Tanz-Tantraauf unseren Trainings– und Erlebnisabenden deine wilde Seite zu entdecken, mutig die eigenen Grenzen zu überschreiten und dich in deiner ganzen Lebendigkeit, deiner ganzen Verrücktheit und deiner ganzen heiligen Lust zu zeigen, immer wieder hin zu spüren, wie es deinem Körper gerade geht, unwillkürliche Bewegungen zuzulassen, die Maske abzunehmen, immer wieder in deine Lebendigkeit zu gehen. Denn leider fällt es uns heute nicht einfach zu, diese Kraft zu spüren. Wir müssen es wirklich wieder lernen, diesem Teil unseres Seins Raum zu geben, dem „ES“ tief in uns begegnen und es leben lassen.

Manchmal ist es dafür auch wichtig, unsere rebellische Kraft zu entwickeln, jenen Teil in uns, der Nein sagt zu Establishment und Konventionen und der ausgeklügelte Pläne und vernünftige Entscheidungen hasst. Der Teil in uns, der all denen, die unsere Lebendigkeit unterdrücken wollen, nur ein Nein entgegen schleudert. Der es eigentlich besser weiß, auf den wir selbst aber nicht hören.

Was ist Wild Life Tantra?

Wir beginnen bei den unteren Chakren, dem Archaischen, dem Tierischen, den Instinkten, denn das ist das Fundament. Und wir beginnen bei der Verkörperung, denn im Körper materialisiert sich unser Sein, unser Leben. Wildes-Leben-Wurzeln-KörperErst wenn wir uns erlauben können, mit diesem fundamentalen und erdverbundenen Teil von uns ganz in der Welt zu sein, sind wir wirklich bereit höher zu gehen, um auch auf menschlicher und schließlich auf spiritueller Ebene klar und authentisch zu werden, uns in Wahrhaftigkeit zu entspannen und zu genießen. Ein Baum wächst schließlich auch nicht von oben nach unten.

Und dazu gehört natürlich auch die entfaltete Sexualität: Lust, Erotik, Ekstase, Freude. All diese wunderbaren Facetten der Sexualität können wir nur in unser Leben integrieren, wenn wir diese einmal ganz freigelassen und gespürt haben. Unsere Erfahrung ist, dass die meisten Menschen nicht einmal erahnen, welche Transformationsmöglichkeiten in befreit gelebter Sexualität liegen. Sexualität hat viele Aspekte, sinnliche, animalische, herzliche, heilige, persönlichkeitsspiegelnde… und Tantra bedeutet für uns, all diese Aspekte zu sehen, wertzuschätzen als Aspekte der göttlichen Schöpfung, und sie alle leben zu dürfen.

Wild Life Tantra bedeutet für uns, die Schöpfung ganz zu leben, Körper, Seele und Geist wirklich zu integrieren. Die zuckende Yoni, den harten Schwanz genauso zu feiern wie das mitfühlende Herz und den klaren Gedanken. Die Schöpfung manifestiert sich durch dies alles. Und dies alles unterschiedslos zu umarmen bedeutet für uns Tantra.

Wildes-Leben-Liebe-TantraDie menschlichen Qualitäten, die wir in uns weiterentwickeln und stärken wollen, um tief in diesem Prozess hinein zu gehen, sind Präsenz, Hingabe, Authentizität und Tatkraft.

Und damit beenden wir unseren theoretischen Ausflug zum Wilden Leben, strecken die müden Glieder hinterm Bildschirm empor, seufzen einmal gähnend, lassen einige Schlangen lustvoll durch unsere Wirbelsäule laufen und springen wie die Tiger zurück in unsere Wilde Welt.

Wir freuen uns auf Dich!
Tandana & Chono

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Ein Kommentar zu “Der Pfad des Wilden Lebens

  1. Empathie, Lebenskraft, Authentizität, Integrität, Sexualität, Mut, Tatkraft, Leben im Moment und begegnen im Hier und Jetzt, Wertschätzung des Lebens… das sind die Attribute, die auch ich wieder gewinnen und verkörpern will! Ja, ich habe bisher den WILDEN UND FREIEN MANN IN MIR vermisst!!! Deswegen braucht es ein JA zum WILD LIFE um wieder in die eigene Kraft zu kommen und um aus dem „Höflich, brav und vernünftig sein – Zwangskorsett“ der westlichen Zivilisation endlich auszubrechen! Ich liebe euch Beide für eure Intention 🙂 Hau Mann Alexander…

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