Ich bin der Gestalter des Selbst in mir

von Marcel Mühlenhaupt
(Autor von „Eine Liebe in der Kindheit„)

Selbstbefreiungs-Nachzeichnung

Bewegungsabläufe weichen ab, schweifen aus, irritieren. Verzerren das Bild, beirrt Empfindungen. Fordert heraus, provoziert, eckt an. Es fehlen die gewohnten Reiz-Reaktions-Assoziationen. Stattdessen, Fremden motorig, die gewohnte Erwartung verschiebt. Welche subtil, desorientierte Reaktionen hervorrufen. Der Oberkörper schwankt beim Laufen, die Füße schleifen nach. Dabei liegt der Kopf ab und an schief, während künstliche Vorderbeine (auch Gehstöcke genannt) voranschreiten. Der Po plumpst auf den Boden. Mit Hilfe der Hände werden die Unterschenkel angewinkelt, in dem am Stoff der Hose gezogen wird. Hingehockt, normalisiert sich die Assoziationen des Reizes, langsam offenbart sich sein Charme.

Im Sitz entsprechen die Erwartungen dem gewohnten Bild von Bewegung. Doch dann erneute Irritation. Denn, etwas piepst zwischen seinem Kopf, der Blick entdeckt einen Schlauch, der zu Hinter-dem-Ohr-Geräten führt. Seine Mimik fragt nach, die Antwort klingt leicht nasal – erinnert an Panik-Rocker Udo.

Erneute Orientierung der Sinne, der Reiz will sich nicht so richtig einstellen, die Attraktivität bückst immer wieder aus. Er ist eindeutig eine Begegnung der besonderen Art, welche die Sinne irritieren, sie durcheinander schüttelt und Verwirrung stiftet. Eine, dessen nonverbale Sprache einem Spanisch vorkommt, die nicht so richtig zu übersetzen ist. Berührungsängste offenbaren sich, wie reagiert dieser Körper. Kann er meinen Bewegungen folgen, ist ein Fließen möglich? Wie berühre ich hin? Ist sein Lingam erregungsfähig?

So oder ähnlich reagieren Frauen, mit denen ich gerne intim werden möchte, auf mein Anders-Sein. Das hemmt mich, frei zu sein. Meine Sexualität offen zu gebärden. Zum einen sind das Erfahrungen, die ich gemacht habe. Zum anderen spiegelt sie meine innere Haltung darin. Nun, hier ist es wie bei der Frage mit der Henne und dem Ei, was war zuerst da? Meine innere Haltung, dass es so ist oder die Erfahrung. Im Grunde spielt das keine Rolle. Denn es geht darum, mich weder von meiner eigenen Haltung, noch von den Reaktionen anderer irritieren zu lassen. Einfach in meiner Sexualität frei zu sein. Wird sich mein Verhältnis zu Frauen ändern, wenn ich mit mir klar bin? Oder verändern Erfahrungen mit Frauen mein Verhältnis zu ihnen? Denke beides ist wichtig, sie ergänzen sich.

Der Mensch entwickelt sich mit seinen Erfahrungen, den Erlebnissen, die prägen. Man(n) folgt nur, wenn die innere Einstellung mit geht, die Erfahrungen annimmt, sie zentriert. Es braucht eine Offenheit sich selbst gegenüber, die nichts verschweigt oder versteckt. Die das kommuniziert, was in der Begegnung ist. Die Gedanken und Gefühle, die im Moment der Begegnung sind, offenbart. Das nimmt mir die Illusion und zeigt mir, was gegenwärtig zwischen ihr und mir lebendig ist. Dies Entwicklung und dessen Veränderungen möchte ich hier schildern.

In meiner Jugend machte ich die Erfahrung, dass ich bei Mädchen, deren Einschränkungen ausgeprägt waren, an meine Grenzen stieß. Sie brauchten dort Unterstützung, wo ich völlig selbständig war und noch heute bin. Deren Spastik war so viel ausgeprägter als meine, dass sie selbst mich irritierten. Der Anblick ihrer Bewegungsabläufe war so anders als das, was mir vertraut war. Mein gewohntes Reiz-Reaktions-Assoziations-Muster war außer Konzept. Sie mussten sich neu orientieren, was aber nicht gelang. Dies überraschte mich selbst, es provozierte mich. Damals war mir nicht bewusst, dass ich in mein Spiegelbild blickte.

Jahrelang versuchte ich, das Spiegelbild zu verändern. Ich flirtete nur mit Mädchen, die keine Einschränkung hatten. Doch es veränderte sich nichts, die Mädchen blieben weitgehend auf Distanz, denn die Mädchen wollten eben so wie ich, ihre körperliche Freiheit ausleben. Und ich, ich war eine erkennbare Behinderung für sie. Die wenigen Erfahrungen, die ich mit Mädchen ohne Einschränkung machte, offenbarte mein Manko erst recht. Die Hindernisse meines Körpers wurden mir schmerzlich bewusst. Sie offenbarten, was alles möglich ist, ohne eingeschränkt zu sein.

Ihre Bewegungen waren so viel agiler, geschmeidiger und fließender als meine. Es war, als wäre ich nüchtern geworden. Erst als ich mich öffnete und mich mit Mädchen einließ, deren Einschränkungen meinem ähnelten, begegnete ich mir selbst. Nahm meinen Körper wahr, wie er ist. Zugegeben, die Abläufe zwei eingeschränkter Menschen waren minimalistisch. Leibhaftig fehlte uns die Fähigkeit, die Gefühle körperlich umzusetzen, sie spontan auszudrücken. Das vermengte sich mit Erwartungshaltungen, wie die Erlebnisse zu sein hatten. Bilder aus Filmen, der Zeitschrift Bravo und verklemmte Aufklährungsbücher wirkten in uns. Freier wären wir gewesen, fern von jeder Erwartung und Vorstellung. Es hätte einfach genügt, nur neugierig aufeinander zu sein und auf Forschungsreise zu gehen.

In der Zeit meiner Grundschule schien all dies keiner Beachtung Wert zu sein. Wir waren neugierig, frei und unerschrocken, probierten uns aus. Mit oder ohne Einschränkung, es bestand eine Gleichwertigkeit, keiner war ungleich. Die Erforschung der Geschlechter war frei von Reiz-Reaktions-Assoziationen. Bei den Doktorspielen war ich begehrt, sowohl bei Mädchen als auch bei den Jungs. Meine Eltern, die Künstler waren, unterstützten mich in meiner Freiheit, sie stülpten mir selten ihre Erwartungen oder Glaubenssätze über. Mein Grundgefühl damals war, beachtet zu sein. Die Berührungen fühlten sich, im Gegensatz zur Zeit der Jugend (und teilweise heute noch), authentisch an. Ich fühlte mich begehrenswert und ich gab alles zurück. Es war ein natürliches Geben und Nehmen – ich war in der Mitte meiner Selbst.

Es sind einige schöne erotische Erinnerungen in mir aus diesem Lebensabschnitt. Eine ist, wie ich mit meinen Gehstöcken im sommerlichen Schulhof stehe, während ein Mädchen mir etwas in meine hintere Hosentasche verstaut. Sie tat es so verführerisch, dass ich es am ganzen Körper spürte – es war einfach himmlisch. Und in der Kolonie, in der ich aufwuchs, war ein Mädchen. Mit ihr durfte ich in der Wanne baden. Jedes Mal war es ein Hauch von Erotik, ihre Füße liebkosten am ganzen Körper. Diese Episoden begleiteten mich, bis die ersten pubertären Knospen sprossen. Es war, als hätte Eva in den verbotenen Apfel gebissen, und von da an mussten ich/wir mit der Sünde leben, die mich bis heute begleitet.

Buchcover "Eine Liebe in der Kindheit" von Marcel Mühlenhaupt - Roman - Autor und Experte zum Thema Sexualität und BehinderungDiese unbeschwerte Zeit kurz vor der Pubertät inspirierte mich zu meinen Debüt-Roman „Eine Liebe in der Kindheit“, in dem sich Lino und Lisa näher kommen, sich ausprobieren und dabei die Liebe füreinander entdecken. Durch meine eigene Erfahrung ist mir bewusst, dass die Zeit in der Kindheit prägend ist. Wir sind von Geburt an sinnliche Wesen. Sexualität kennt kein Alter, jede Lebensphase beinhaltet ihren eigenen Prozess darin. Die Kindheit ist nicht mit der Jugendzeit vergleichbar, und beide erst recht nicht mit dem Erwachsenem, doch sie wirken ineinander. Selbst Babys, die der Gaumenfreude frönen, in dem sie alles in den Mund nehmen, erfahren sinnliche Lust.

Jetzt, mit über Fünfzig, empfinde ich mehr ein Ja als Nein zu meinen Einschränkungen. Dabei entdecke ich, wie meine innere Haltung nach außen wirkt. Je mehr ich mich annehme, desto offener reagieren Frauen auf mich. Meine Einschränkung tritt mehr in den Hintergrund, schränkt mich immer weniger ein. Obgleich der körperliche Zustand derselbe ist. Es ist, als würde die innere Haltung die sichtbare Einschränkung unsichtbar werden lassen. Das ist unglaublich heilsam, zu spüren, wie der Funke überspringt. Wie mein feminines Gegenüber körperlich auf den Mann in mir reagiert, auf ihn zugeht. Ich spüre, wie der Knoten sich immer mehr löst. Zwar geschieht das in der freien Wildbahn noch zögerlich, doch die Blicke werden erotischer.

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Rocky Horror Picture Show – Dr. Scott im Rollstuhl in Strapsen

Im geschützten Raum, wie im Tantraseminar „Loving Body“ von Chono und Tandana, erlebe ich, wie der Tanz mit dem Mann in mir und den Frauen einheitlicher wurde. Selbst eine sehr weibliche junge Schönheit, von dem mein Verstand nie geglaubt hätte, dass sie mich sieht, öffnete sich mir, gab sich mir hin. Und meine Shakti an diesen Abend gestand mir, die Einschränkung vergessen zu haben – ich war einfach nur Mann. Die gewohnten Reiz-Reaktions-Assoziationen haben ihre Gültigkeit verloren, sind abgelaufen. Sowohl bei mir als auch bei ihr. Nur das, was ist, galt.

Jetzt reagieren Freuen, mit denen ich gerne intim werden möchte, auf mein Anders-sein so oder ähnlich: Er ist eindeutig eine Begegnung der besonderen Art, welche fasziniert, neugierig macht. Dessen nonverbale Sprache exotisch wirkt und aufregend ist. Ihn zu berühren elektrisiert, sein Körper ist Kunst. Er folgt meinen Bewegungen auf seine Weise! Es fließt energetisch, während ich ihn berühre! Sein Lingam beschenkt mich mit seiner Liebe!

„Die Reaktion deines Gegenübers ist das Spiegelbild deines Inneren. Veränderst du deine innere Welt, ändert sich die Reaktion deines Gegenübers. Du bist der Gestalter des Selbst in dir“.

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