Dürfen Männer schwanzfixiert sein? Yin & Yang Teil 2

Nachdem ich letzten Montag über unsere Xplore-Erlebnisse bezüglich der gegenläufigen männlichen und weiblichen Energien geschrieben hatte, hat sich das Thema für uns am darauffolgenden Tag nochmal von einer anderen Seite her in sehr bemerkenswerter Weise vertieft und veranschaulicht. So ergab es sich, dass wir den in Maui lebenden David Bruce Leonard, der auf der Xplore die Workshops „Das heilige Ja“ und „Das heilige Nein“ geleitet hatte, ins Osho Mauz eingeladen hatten, um einen ganztägigen Workshop zu seiner Paarmassage mit dem schönen Namen „Rivers of Love“ zu geben. Tandana und ich nahmen ebenfalls teil.

Seine Methode hat David über viele Jahre selbst entwickelt. „Most of it is MSU, which basically means ‚made shit up'“. Sie wurzelt in der Tiefenmassage, dem Taoismus, Tantra und TCM, gewürzt mit Inspirationen und Gebeten aus seiner Ausbildung in der traditionellen hawaiianischen Medizin. Sie beginnt mit einem kleinen, verbalen  Austausch über Ängste, Grenzen und Wünsche gefolgt davon, dass man mit reichlich Öl und einem Pinsel gemeinsam Intentionen auf die Massagebank schreibt und es mit vier Händen auf selbiger verteilt. Genau wie bei der Tantramassge, ist die ROL dadurch geprägt, dass ein Partner voll und ganz im Geben und der andere ebenso im Empfangen ist. Eine einseitige Session nimmt dabei in seiner gebührenden Langsamkeit und Tiefe zwei bis drei Stunden Zeit in Anspruch. Als ein Ritual, speziell für Liebende in einer Partnerschaft, ist es sehr  gezielt dazu gedacht, den anderen in höchste sexuelle Erregung zu führen. Sie enthält neben vielen zärtlichen und kräftigen, öffnenden Ausstreichungen auch zahlreiche Umarmungen und Umschlingungen, bei denen man oft unter den Körper greift, mit dem Gewicht des anderen arbeitet, sowie zahlreiche, zum Teil echt abgefahrene Kuss und Zungentechniken, die für reichlich anfängliches Gelächter und später dann zu tränenreichen, tiefen Orgasmen führten.

Zuerst lernten wir, wie der Mann die Frau verwöhnen möge, wobei das ganze Ritual stets dem Prinzip „Circling in for landing“ folgt, dass heißt, ähnlich wie bei der Tantramassage wird die Yoni erst nach einer langen und hingebungsvollen, öffnenden Körpermassage berührt und nachhaltig beglückt. Als es jedoch anschließend darum ging, den Mann zu verwöhnen, staunten wir alle nicht schlecht, als es hieß: „The introductional Ritual is pretty much the same, but as soon as you start touching him, the first thing you do is to put one of your hands on his Lingam and start to stimulate him.“ Wir lachten, aber er meinte es ernst. „You keep one hand there almost throughout the whole massage, and you keep moving and stroking. As long as you touch his there, he’s happy for sure, it almost doesn’t matter what your other hand does.“ Das Prinzip beim Mann, erklärte er uns, sei umgekehrt als bei der Frau, es heiße „Spiraling out for take off“ – Sie solle die Energie von Anfang an im sexuellen Zentrum des Mannes aufbauen und sie von dort aus ausgiebig und hingebungsvoll im ganzen Körper verteilen.

Ich war so glücklich! Ich fühlte mich als männliches, sexuelles Wesen in einer völlig neuen, angemessenen Weise wahrgenommen und gewertschätzt. Gut, ich möchte einräumen, ich habe mich weder mit hawaiianischen Massagen noch mit dem Taoismus bislang eingehender beschäftigt, und vielleicht ist es einfach dieser Bildungslücke geschuldet, aber ich glaube wir alle empfanden diesen Ansatz als radikal und im Kontext unseres tantrischen Paradigmas fast als Sakrileg, David hatte mit einem Tabu gebrochen. Ich spreche natürlich nur aus meinem Erfahrungsraum heraus darüber, was mir eben in hauptsächlich Berliner aber auch gesamtdeutschen Tantrakreisen bislang so an Wertecodex über den Weg gelaufen ist. Da war zwar in TM-Seminaren und anderen Situationen des öfteren die Rede davon, dass man mit Männern anders umgeht als mit Frauen. So hörte ich mal eine renommierte TM-Ausbilderin sagen: „Ich habe öfter Männer, die brauchen einfach erstmal einen schönen Orgasmus, damit sie überhaupt zur Ruhe kommen und sich auf ein tieferes Erleben einlassen können“, aber die Berührung ihres werten Teiles hat eigentlich trotzdem erst im letzten Teil der Massage zu erfolgen. Da schwingt für mich immer so eine negative Wertung mit, als ob man den Männern eben gewisse Schwächen zugestehen müsse, die sind halt oft noch nicht so weit… *räusper*.

Tatsächlich habe ich mich selbst oft dabei ertappt, dass ich mich selbst dafür verurteilt habe, dass ich in langen, erotischen Begegnungen von so einer Ungeduld heimgesucht werde, wann’s denn jetzt endlich zur Sache geht, wann ich endlich die ersehnte, intime Berührung erfahren darf. Ich weiß auch, dass ich damit nicht allein dastehe, denn ich habe es regelmäßig erlebt, dass derartige Schuldgefühle in Shivazirkeln ein verbreitetes Thema sind. Jetzt verspüre ich Wut angesichts dieser Ungerechtigkeit, dieser Geringschätzung unserer heiligen Natur, unserer Manneskraft.

Auch Tandana hatte manchmal  in Tantramassagen das Gefühl, dass der Lingam eigentlich zuerst berührt und verwöhnt werden möchte, und dass Mann und Frau in dieser Sache einfach sehr verschieden sind, und konnte von daher Davids Ansatz nur unterstreichen.

Dahinter steckt – so nehmen wir es jetzt wahr – das irrige Paradigma, die genitale Stimulation sei das, wenn auch ausgedehnte und wundervolle, Ende vom Lied, dass man Vorwegnehmen würde, wenn man den Weg abkürze und so das tiefere, spirituelle Erleben und die Heiligkeit einer tantrischen Begegnung zerstören würde.

Unsinn! Das gilt sicherlich für den Weg der weiblichen sexuellen Energie. Sie nimmt den Weg zuerst durch das Herz und am Ende zur Yoni, aber die männliche fließt natürlich andersherum. Hier steht der Lingam sprichwörtlich am Anfang – und nur um Missverständnissen vorzubeugen, das große Finale bleibt trotzdem am Ende und zeitlich wie energetisch weit davon entfernt. Es geht nicht darum, dass irgendwas schnell gehen soll, auf Kosten des tiefen tantrischen Erlebens. Nein, Es geht einfach darum das Haus durch die Vordertür zu betreten anstatt durch’s Fenster zu klettern. Die Vordertür ist bei der Frau das Herz und beim Mann ist es der Lingam. Selbst das Yin- Yang-Symbol veranschaulicht diese Energieflussrichtungen augenscheinlich.

Diese Idee wirklich zu beJAAA!hen und wertzuschätzen hat schon bei den ersten Anläufen sie in unsere Sexualität zu integrieren zu verheißungsvollen Veränderungen geführt. Man kann das Prinzip nämlich auch schon in verkleinerter Form auf das „einfache“ sexuelle Vorspiel im alltäglichen Liebesspiel anwenden. Irgendwie war da früher immer so die unbewusste Annahme, man müsse mehr oder weniger gemeinsam diese Schwelle zwischen den züchtigen Zärtlichkeiten und der handfesten Genitalstimulation überschreiten, und nicht selten entstand da so ein Tauziehen, weil es für sie oft zu schnell und für ihn oft zu langsam ging. Das Verständnis der Grundprinzipien der ROL haben aber bei uns ganz logisch dazu geführt, dass sie mich nun von Anfang an am Lingam berühren kann, und klar ist, dass ich mir mit ihrer Yoni im Gegensatz dazu trotzdem ganz viel Zeit lasse. Sie braucht jetzt keine „Angst“ mehr zu haben, dass wenn Sie damit anfängt, ich mich sofort aufgefordert fühlen könnte mich wohlwollüstig auf ihre Yoni zu stürzen. Ich muss umgekehrt nicht mehr fordernd in ihr allerheiligstes einmarschieren, in der Hoffnung sie zu der Berührung zu motivieren nach der ich mich sehne. Wir verstehen die Natur des anderen jetzt viel besser, was hat die Dinge wirklich ungemein entspannt hat.

Mich beschäftigt dazu am Rande bemerkt noch dieser philosophische Gedanke: So sehr ich das Tantra im ganzen und dessen sexuelle Aspekte im speziellen liebe, und so sehr es nach wie vor für mich die zentrale Ideenwelt meines Leben ist, soweit ich es als mittelgereifter, mitteleuropäischer Mann im Jahre 2016 überhaupt erfassen kann; ich sehe an dieser Stelle was es ausmacht, dass das Tantra in seinen Wesen ein Frauenkult matriarchalen Ursprungs ist, dass dessen ganzheitliches Selbstverständnis auch nicht gefeit ist vor blinden Flecken.

Wer sich mit Rivers of Love eingehender beschäftigen möchte, dem sei David Bruce Leonard’s Buch mit dem mir Gänsehaut bescherenden Titel „How to worship the Goddess & keep your balls“ empfohlen, sicherlich auch für Shaktis höchst lesenswert – Danke David!

Er ist übrigens noch bis Donnerstag (d. 4.8.2016) in Berlin und bietet Einzelsessions für Singles und Paare an. Schreibt einfach an – Weitere Infos findet ihr auf seiner Website sacredriversoflove.com

Zum Abschluss sei noch wiederholt, dass wir uns wie immer über Feedback und Austausch via freuen.

Alles Liebe!
Chono (& Tandana)

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